März 7, 2013
Frauenbewegung 2.0 – warum sie meine Sympathie und Unterstützung findet
Frauenbewegung 2.0 – warum sie meine Sympathie und Unterstützung findet.
Manche Frauenpolitikerinnen und Feministinnen meiner Generation hadern mit neuen Bewegungen wie #Aufschrei, Slutwalk, One Billion Rising, haben Vorbehalte, halten die Statements für naiv, finden sich nicht wieder, konstatieren, dass frau vor Jahrzehnten in vielem „schon weiter gewesen sei“.
Ich kann es ein Stück weit nachempfinden. Mir geht die Diskussion manchmal zu sehr durcheinander. Sexismus, sexuelle Belästigung, Quote, häusliche Gewalt, Flirtkultur, da kommt im Augenblick in der Debatte vieles zusammen, manche relevanten Zahlen und Kenntnisse sind leider nicht präsent. Auch ich teile nicht jedes Statement, das in dem Zusammenhang anfällt. Aber – es ist eben kein homogenes feministisches Publikum, das sich heute mit diesen Themen auseinander- bzw. zusammensetzt. Es ist eine Generationen – , politische Lager und soziale Schichten überschreitende Gruppe von Menschen. Hier sehe ich vor allem Chancen, nicht Defizite.

Und wenn jetzt so viele diese Themen diskutieren, dann sage ich: ENDLICH!!! ENDLICH!!! ENDLICH!!!
Viele Jahre war dieses Thema in Gesellschaft und Politik ein „low interest“ Thema . Auch bei den Grünen musste an mancher Stelle darauf gedrungen werden, dass dieses Thema seinen eigenständigen Rang behält und nicht unter Postgender abgehakt wurde.
Wie viele Pressetexte habe ich schon zu diesen Themen geschrieben, die dann in den Redaktionsschubladen oder im Mailpapierkörben gelandet sind. Jetzt sind die Themen auf der Tagesordnung und es gibt nicht nur im WEB, sondern in Familien, Gruppen, Betrieben eine Diskussion darüber.
Das ist ein Verdienst der Frauenbewegung 2.0.
Durch die vielfachen Aufschreie im Netz ist es anders als in der klassischen Berichterstattung und Veröffentlichung einfach nicht mehr möglich dieses Thema wegzuschieben. Gäbe es das WEB nicht- die Sternreportage wäre schon längst Geschichte.
Was im WEB ist, ist – so ist die heutige Wahrnehmung, die nicht unproblematisch ist, aber gerade bei diesem Thema sehr wichtig und konstruktiv.
Es ist ja durchaus nicht so, dass es bisher nicht diese Erfahrungen und Berichte gab. Aber wie und wo konnten diese die Öffentlichkeit erreichen, vor allem Dingen aber, welche Wendung und Bewertung haben sie erfahren?
Das emanzipatorische Moment des #Aufschrei- Blogs ist für mich, dass sich die Frauen und Mädchen damit nicht nur ein niedrigschwelliges Forum für die Veröffentlichung geschaffen und erobert, sondern auch die Deutungs- und Interpretationshoheit über die eigenen Erfahrungen gesichert haben.
Gerade bei sexuell motivierten verbalen oder körperlichen Übergriffen, bei Vergewaltigung, verlieren die Opfer in der Öffentlichkeit ebenso wie in der Justiz die Souveränität über ihre eigenen Erfahrungen. Täter, Gutachter, Nachbarn, Freunde, Vorgesetzte, Personalchefs, Anwälte, Richter, Journalistinnen, Bundespräsidenten – deren Wertvorstellungen und Wahrnehmungen, deren Deutungen und Bewertungen sind Frauen ausgesetzt. Mit dem WEB ist diese Souveränität ein Stück weit wieder her gestellt- schon dafür unterstütze ich das, auch wenn die Parteinahme zu Pauschalisierungen verleiten kann.
Dass manche junge Frau bestimmte Erfahrungen erst jetzt reflektiert und einordnet, dass relevante Erkenntnisse nicht präsent sind, das sollte frau ihr jedenfalls nicht vorwerfen. Wichtig ist doch, was aus diesen Erfahrungen gemacht wird, daran wird die Frauenbewegung 2.0 zu messen sein.
Und – dass Frauen erst als Twens sexistische Erfahrungen reflektieren müssen, das rechne ich mir als Alt -Frauenpolitikerinnen einfach als Verdienst an.
Mehr Chancengerechtigkeit in Schule und Hochschule, das selbstverständliche Lebensgefühl gleiche Rechte zu haben und diese zu beanspruchen, bei erfahrener realer Ungleichheit laut aufzubegehren, sich in Gruppen zusammenfinden und nicht schamhaft Schuldzuweisungen anzunehmen, gegen sexualisierte Gewalt anzutanzen- das ist doch ein Zeichen dafür, dass sich in den letzten 30 Jahren etwas verändert hat – und die rosa Legosteine bekommen wir auch noch in den Griff!